Klangkunst: Live-Hörspiel

 

Norbert Lange: Mönster – Monster in Münster

 

Verblüffend, einen Mund und einen Kopf zu haben, obwohl man weder das eine noch das andere die meiste Zeit über an sich sehen kann. Wenn Du denkst, womit denkst Du dann? Was ist das Denken überhaupt, das Du selbst nicht siehst, obwohl Du anderen dabei zusehen kannst? Ist das Denken eine dröhnende Bewegung durch den Raum, ein ununterscheidbarer, auch andere Geräusche vereinnahmender Hall? Zungenschnalzen oder Zirpen und ein kaum verständliches Sprechen, Rufen, wie von polternd einen Saal betretenden Winzlingen, als säße man in einem Lokal und wechselte, indem man einer Stimme folgt, in einem fort seinen Ort. Kannst beim Denken nur Du Dir zuhören? Eine Gruppe kleiner Monster, die in einer Welt weitab menschlichen Lebens existieren, musizieren genetische Songs, die sich nähern wie Echos aus Tropfsteinhöhlen. Sich direkt aus dem Mund einschmeichelnde Melodien, verschluckt von Hintergrundgeräuschen, lassen die sonst so schwachen Geräusche des Blutes in den Hirnarterien zu einem vielsagenden Rauschen werden, das von außen, von fernher zu kommen scheint. Das Herz, lauter und deutlicher schlagend, klingt wie eine Fabrik, ein gleichmäßiges Marschieren, ein Dieselmotor. Wer oder was denkt überhaupt? Audiofiles von einem Un-Ort, an dem Sprechblasen schmatzend zusammenlaufen, als sähe man einer heißen Quelle zu, an deren Oberfläche manchmal Sauerstoffblasen aufsteigen und mit einem Wort-Laut aufplatzen. Samples und Livestimmen, die jedes Zeitgefühl sprengen und aus einer sicher getakteten Abfolge von Lauten und Klängen einen Zeitraffer bilden, als liefe unweigerlich chaotische Weltzeit ab, um im letzten Moment wieder einzusetzen vor dem Beginn des Tracks. Eine semantische seltsame Schleife, bei der die Möbiusband in einer Klon­einrichtung spielt, elektronisches Gelächter, Maschinen­arien und menschlich-tierisches Gewimmer.

Gedichtbände Norbert Lange, zuletzt: Unter Orangen (2021)

 

Auftragsarbeit für das Lyrikertreffen Münster 2022

Gefördert von der Kunststiftung NRW

Mit großem Dank an das Studio für Elektroakustische Musik in der Akademie der Künste Berlin und dessen künstlerischen Leiter Dr. Gregorio García Karman


Norbert Lange | Geboren 1978 in Gdynia (Polen). Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Judaistik in Berlin, dann Literatur in Leipzig. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind Übersetzungen und Herausgaben von Dossiers zu größtenteils US-amerika­nischen und britischen Dichterinnen und Dichtern in der Zeitschrift „Schreibheft“ und in Buchform. Er lebt als Dichter, Übersetzer und Herausgeber in Berlin. Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie 2015 (als Übersetzer von Charles Bernstein).

Und auch sonst ist, was Norbert Lange da wagt, sehr mutig und genau den Nerv der Frage treffend, was eine gute Übersetzung können und sein soll und darf. [...] Damit könnte man Norbert Langes Arbeit als „angewandte Übersetzung“ bezeichnen, die nicht nur die Worte übersetzt, sondern auch die Theorien und Fiktionen, die dahinterstehen, mit den eigenen Mitteln umsetzt.

Astrid Nischkauer

 

Martin Schüttler | Geboren 1974 in Kassel. Studium der Komposition und Musiktheorie in Essen und Karlsruhe.
Arbeitet weltweit als Komponist, Performer und Medienkünstler. Er unterrichtete an der HfMDK Frankfurt und an der Philipps-Universität Marburg und ist seit 2014 Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Schüttler lebt in Stuttgart und Berlin.

Martin Schüttler gehört zu den Komponisten, die akustische Realitäten konsequent in ihre Musik integrieren.

Paul Hübner