Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki

XXXV.


powiedziano wszak i dowiedziono

że poezja musi się opierać

przede wszystkim zaś musi się wymykać

zrozumieniu i pochwyceniu

 

niczym moja matka deportowano ją

zatem po raz drugi w 1947 roku

aby już nigdy więcej nie stanowiła

zagrożenia ale o tym znajdziesz

 

wiadomość w pewnym przypisie

w moim najistotniejszym wierszu

Michael Zgodzay und Uljana Wolf

XXXV.


zwar wurde behauptet und bewiesen

poesie muss in den widerstand gehen

vor allem aber muss sie sich entziehen

jedem zugriff und verstehen

 

wie meine mutter man deportierte sie

also im jahr 1947 zum zweiten mal

damit sie nie wieder eine bedrohung

darstelle aber dazu findest du eine

 

nachricht in einer gewissen notiz

in meinem wichtigsten gedicht

 

aus:
Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki. Norwids Geliebte. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe.
Aus dem Polnischen von Michael Zgodzay und Uljana Wolf. Wien: Edition Korrespondenzen, 2019.


Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki | Geboren 1962 in Wólka Krowicka, im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet. Studium der Polonistik in Lublin. Für seine Gedichtbände erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2009 den Nike-Literaturpreis, die bedeutendste literarische Auszeichnung Polens. Er lebt in Warschau.

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki ist eine der bekanntesten und eigentümlichsten Stimmen der polnischen Gegenwartsdichtung. Wenn er seine Verse vorträgt, mal flüsternd, mal hauchend, vermischt er die Sagweisen und Töne immer wieder. Mit großer Lust zapft er die alten Ekstasespeicher der Dichtung an. Die Vorstellung, dass die dichterische Sprache die Vergangenheit und den Tod zu beschwören und zugleich zu bannen vermag. Den Glauben zudem, die Poesie könne direkten Einfluss auf die Kräfte der Welt nehmen. Nico Bleutge (aus: Süddeutsche Zeitung, 15.10.2019)

Michael Zgodzay | Geboren 1974 in Chorzów in Polen. Studium der Polonistik, Philosophie und Theologie in Frankfurt am Main und Berlin. Neben wissenschaftlichen Aufsätzen publiziert er Übersetzungen aus dem Polnischen, vor allem essayistische Prosa und Lyrik. Er lebt in Berlin.

Uljana Wolf | Geboren 1979 in Berlin. Studium der Germa­nis­tik, Anglistik und Literaturwissenschaft in Berlin. Neben dem Verfassen eigener Lyrik ist sie als Übersetzerin aus dem amerikanischen Englisch tätig. Sie lebt in Berlin und New York.

Uljana Wolf tritt gemeinsam mit Marie-Luise Knott und Marcel Beyer beim Aichinger-Memorial auf.


Michael Zgodzay und Uljana Wolf sind für ihre Übersetzung tief in das System der Dopplungen, der schwebenden Bezüge und Entsprechungen eingetaucht und haben in Klang und Rhythmus den Sog des Originals ebenso wie dessen inhärente Irrwege und Verwirrungen nachgebildet. Marie Luise Knott (aus: FAZ, 7.11.2019) 


Begründung der Jury

Der Preis für Internationale Poesie 2021 der Stadt Münster geht an den polnischen Lyriker Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, seine Übersetzerin Uljana Wolf und seinen Übersetzer Michael Zgodzay. Ausgezeichnet wird der Band „Norwids Geliebte“, der 2019 in der Edition Korrespondenzen, Reto Ziegler, Wien erschienen ist.

Der in einem kleinen Dorf an der polnisch-ukrainischen Grenze 1962 geborene Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki ist ein literarischer Solitär. Die Lesungen des rätselhaftesten und wortmächtigsten Gegenwartsdichters Polens sind legendär, unter den polnischen Dichtern besitzt er Kultstatus.

Zur Welt gekommen ist er an einer der östlichen Bruchstellen Europas. Inmitten politischer und familiärer Verwerfungen wuchs er auf. Erschütternde biografische Erlebnisse, zugleich Schreckensspuren der Geschichte des 20. Jahrhunderts in Europa, wurden zum Movens seiner Dichtung.

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki ist ein hellwacher Zeitgenosse wider Willen, der ein ausgeprägtes Gespür für die Brisanz aktueller gesellschaftlicher Prozesse und ihre Tiefendimension hat. Dabei ist seine Dichtung alles andere als vordergründig politisch. In seinen Gedichten erinnert er an sein Dorf, seine Familie, vor allem an die tragische Geschichte seiner schizophrenen Mutter. Ihr Ehemann, der selbst nur Chachlackisch, eine Mischung aus Polnisch und Ukrainisch, sprach, verbot ihr Ukrainisch zu sprechen, aufgrund der Kriegsverbrechen ihres Vaters wurde sie gesellschaftlich geächtet. Sie flüchtete sich in den Alkoholismus und imaginierte sich als Geliebte des polnisch-romantischen Dichters Cyprian Kamil Norwid; die Poesie wurde ihr und ihrem Sohn zum hellen Haus.

Tkaczyszyn-Dyckis Reminiszenzen an seine Herkunft kehren in seinen Gedichten wieder, als quälende Heimsuchungen, gegen die seine Sprache machtlos scheint, da sie ihn von dieser Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht erlösen kann: „Das wesen der poesie ist nicht ihr sinn / sondern das sinnlose wiederholen und erinnern.“ Schonungslos und obsessiv umkreisen seine Gedichte Tod, Eros und Krankheit. Insistierend suchen sie nach dem genuinen Wesen von Poesie. Ihre Poetik ist ihnen wie zur fortwährenden Selbstvergewisserung, Selbstbefragung eingewebt.

Die Leistung der beiden Übersetzer des Bandes „Norwids Geliebte“, Uljana Wolf und Michael Zgodzay,e verdient besondere Wertschätzung. Verlustlos und sprachsicher, mit untrüglichem Sinn für Gestus, Rhythmus und Klangfarbe der Originale trägt ihre Übersetzung die Gedichte Eugeniusz Tkaczyszyn-Dyckis ans deutsche Ufer. Ihre Sprachmacht und Eindringlichkeit, ihre poetische Kraft und formale Kompromisslosigkeit beindrucken ungebrochen auch in der deutschen Übersetzung.

 

Urs Allemann, Maren Jäger, Cornelia Jentzsch, Johann P. Tammen, Norbert Wehr