Die Jury


Der Jury gehören an:


Urs Allemann | Lyriker, Literaturkritiker

Dr. Maren Jäger | Literaturwissenschaftlerin, Literaturkritikerin

Cornelia Jentzsch | Literaturkritikerin

Johann P. Tammen | Lyriker, Erzähler, Essayist, Herausgeber, Literaturkritiker

Beate Vilhjalmsson | Bürgermeisterin, Vorsitzende der Jury

Norbert Wehr | Herausgeber der Literaturzeitschrift Schreibheft, Literaturkritiker

(v.l.) Kulturdezernentin Cornelia Wilkens und Kulturamtsleiterin Frauke Schnell mit der Jury: Cornelia Jentzsch, Norbert Wehr, Urs Allemann, Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson und Dr. Maren Jäger. Johann P. Tammen nahm per Telefon an den Beratungen teil.

Begründung der Jury

Der Preis für Internationale Poesie 2021 der Stadt Münster geht an den polnischen Lyriker Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, seine Übersetzerin Uljana Wolf und seinen Übersetzer Michael Zgodzay. Ausgezeichnet wird der Band „Norwids Geliebte“, der 2019 in der Edition Korrespondenzen, Reto Ziegler, Wien erschienen ist.

Der in einem kleinen Dorf an der polnisch-ukrainischen Grenze 1962 geborene Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki ist ein literarischer Solitär. Die Lesungen des rätselhaftesten und wortmächtigsten Gegenwartsdichters Polens sind legendär, unter den polnischen Dichtern besitzt er Kultstatus.

Zur Welt gekommen ist er an einer der östlichen Bruchstellen Europas. Inmitten politischer und familiärer Verwerfungen wuchs er auf. Erschütternde biografische Erlebnisse, zugleich Schreckensspuren der Geschichte des 20. Jahrhunderts in Europa, wurden zum Movens seiner Dichtung.

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki ist ein hellwacher Zeitgenosse wider Willen, der ein ausgeprägtes Gespür für die Brisanz aktueller gesellschaftlicher Prozesse und ihre Tiefendimension hat. Dabei ist seine Dichtung alles andere als vordergründig politisch. In seinen Gedichten erinnert er an sein Dorf, seine Familie, vor allem an die tragische Geschichte seiner schizophrenen Mutter. Ihr Ehemann, der selbst nur Chachlackisch, eine Mischung aus Polnisch und Ukrainisch, sprach, verbot ihr Ukrainisch zu sprechen, aufgrund der Kriegsverbrechen ihres Vaters wurde sie gesellschaftlich geächtet. Sie flüchtete sich in den Alkoholismus und imaginierte sich als Geliebte des polnisch-romantischen Dichters Cyprian Kamil Norwid; die Poesie wurde ihr und ihrem Sohn zum hellen Haus.

Tkaczyszyn-Dyckis Reminiszenzen an seine Herkunft kehren in seinen Gedichten wieder, als quälende Heimsuchungen, gegen die seine Sprache machtlos scheint, da sie ihn von dieser Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht erlösen kann: „Das wesen der poesie ist nicht ihr sinn / sondern das sinnlose wiederholen und erinnern.“ Schonungslos und obsessiv umkreisen seine Gedichte Tod, Eros und Krankheit. Insistierend suchen sie nach dem genuinen Wesen von Poesie. Ihre Poetik ist ihnen wie zur fortwährenden Selbstvergewisserung, Selbstbefragung eingewebt.

Die Leistung der beiden Übersetzer des Bandes „Norwids Geliebte“, Uljana Wolf und Michael Zgodzay,e verdient besondere Wertschätzung. Verlustlos und sprachsicher, mit untrüglichem Sinn für Gestus, Rhythmus und Klangfarbe der Originale trägt ihre Übersetzung die Gedichte Eugeniusz Tkaczyszyn-Dyckis ans deutsche Ufer. Ihre Sprachmacht und Eindringlichkeit, ihre poetische Kraft und formale Kompromisslosigkeit beindrucken ungebrochen auch in der deutschen Übersetzung.