Celan-Memorial

Helmut Böttiger über Paul Celan

  

WEGGEBEIZT vom
Strahlenwind deiner Sprache
das bunte Gerede des An-
erlebten – das hundert-
züngige Mein-
gedicht, das Genicht.

Aus-
gewirbelt,
frei
der Weg durch den menschen-
gestaltigen Schnee,
den Büßerschnee, zu
den gastlichen
Gletscherstuben und -tischen.

Tief
in der Zeitenschrunde,
beim
Wabeneis
wartet, ein Atemkristall,
dein unumstößliches
Zeugnis.


aus: Paul Celan. Atemwende. Gedichte.
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1967.

Gedichtbände von Paul Celan, zuletzt:
Lichtzwang. (1970)
Fadensonnen. (1968)

Paul Celan
Paul Celan | © Wolfgang Oschatz
Helmut Böttiger
Helmut Böttiger | © Cordula Giese

Paul Celan | Geboren 1920 in Czernowitz, Rumänien.
Studium der Romanistik. Während des zweiten Weltkriegs wurde der jüdi­sche Lyriker mehrere Jahre in einem Arbeits­lager festgehalten. 1947 floh er über Ungarn nach Wien, wo wenig später sein erster Gedichtband veröffentlicht wurde, und siedelte 1948 nach Paris über. Dort lebte er bis zu seinem Tod 1970. Georg Büchner Preis 1960. Sein bekanntestes Gedicht ist die „Todesfuge“.

 

Das Unmögliche als bewohnbarer Ort, den die Sprache schafft – diese Vorstellung nimmt im Lauf von Celans Werk und Leben immer konkretere Formen an. Das Gedicht »Weggebeizt« ist auf diese Weise als eine Poetik Celans zu lesen – als eine Poetik im Gedicht selbst, nicht als formales Umkreisen und Benennen wie in der Büchnerpreisrede.

      

                                                                                                                                                          Helmut Böttiger