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Die Gesetze der Trägheit, wenn sich unsichtbar
eine Verszeile meldet, aus einem Nichts,
das etwas anderes will, aber was?
Frag’s, und du bekommst es, was immer du willst.

Einen russischen Garten will ich, in einem anderen
Jahrhundert, mit einer Eule nachts, Schritte auf dem
Dachboden, einen Brief aus der Hauptstadt, Wind
in hohen Bäumen, eine vergilbte Fahne. Es muss

Vergangenheit sein, so dass jedermann
tot ist, der Garten für immer verwahrlost,
eine leere Schaukel, auf dem Tisch noch Gläser,
das Buch nass vom Regen, wo war es, wann,

als ich nicht da war?


aus: Cees Nooteboom. Mönchsauge. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe.
Aus dem Niederländischen von Ard Posthuma.
Berlin: Suhrkamp, 2018.

Buchveröffentlichungen (in deutscher Übersetzung), zuletzt:
Venedig. Der Löwe, die Stadt und das Wasser. (2019)
533 Tage. Berichte von der Insel. (2017)

Cees Nooteboom
© Simone Sassen

Cees Nooteboom | Geboren 1933 in Den Haag, Niederlande. Er zählt heute zu den international renommiertesten europäischen Schriftstellern. Sein umfangreiches Werk, das preisgekrönt und in viele Sprachen übersetzt ist, umfasst Erzählungen, Berichte, Gedichte und vor allem große Romane. Er lebt in Amsterdam und auf Menorca. Horst-Bienek-Preis für Lyrik 2018.

Es gibt zwischen den Sphären der Dichtung und jenen der Toten eine stille Verbindung. Von diesem regen Grenzverkehr, wo die Verse mit den Engeln hin und her fliegen, erzählt Cees Nooteboom […] mit einer Eindringlichkeit, die das Gedenken an die Toten mit der poetischen Emphase schwerelos verbindet.
                                                                                                                         Roman Bucheli