Steckbrief

Ich bin der Fisch, den Fischers Fritze fischt,
der Stolperstein, der mir die Beine bricht.

Ich bin die Mücke, gefangen in meiner nackten Faust: Ich stech.
Ich bin der Stein, der friert, den niemand wärmt,

des Anstoßes, zum Verschleudern. Der Apfel bin ich,
der selbst sich aß, zurückhängt an den Ast.

Ich bin das bodenlose Wasser, wo ich nachgeh dem,
der sich in mir ertränkt. Ich bin das Licht

in ausgestochnen Augen, worin das Sehen
einfach nicht vergeht. Unschuldig bin ich

Keim, der unentsprossne Seuchen sät – bis an den Tag,
wo ich mein Henker bin, mein Hackklotz,

und das Beil



aus: Anneke Brassinga: Fata Morgana, dürste nach uns!
Reihe: DAAD Spurensicherung Bd. 28, Berlin: Matthes & Seitz, 2016.

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Anneke Brassinga | © Serge-Ligtenberg

Anneke Brassinga | Geboren 1948 in Schaarsbergen, Arnheim. Studium der Übersetzungswissenschaft in Amsterdam. Sie übersetzte u. a. Jules Verne, Oscar Wilde, Ingeborg Bachmann und Samuel Beckett ins Niederländische. Seit 1987 publiziert sie eigene Texte, bisher über zehn Gedichtbände. Heute lebt sie als Autorin und Übersetzerin in Amsterdam.
P.C. Hooft-Prijs für Lyrik 2015.

Mit ihrem feinen Gespür für die Klang- und Bedeutungsfächer der Sprache gelingt es Brassinga auch, so großen Themen wie Schönheit oder Tod nachzutasten. Wie sehr die Schönheit den Blick auf die Welt verändert, erzählen uns die Gedichte.

                                                                                                                             Nico Bleutge