Oswald Egger

 

Erwartet bloß kein Gedicht von einem, der etwas im Sinn hat und der sich entsinnt davon, denn nichts von Bedeutung zischt in der Ecke, und es sitzt, dass, nicht: damit es nicht endet, solange die Vorstellung von einem Gedicht etwas Anderes sein wird als der Gedanke, dass ein Gedicht eins ist. Und dann noch eins, und dann noch und noch. Statt den Gedanken schenke ich mir lieber das Denken, denn mein kontingentes Gedicht ist im Unterschied zu einem nichtkontingenten Gedicht ein Ding, das verschwinden wird, ein Ding, das der Möglichkeit nach dergestalt ist, dass es nicht mehr oder länger existieren wird. Und dies bedeutet, dass es nichts gibt, das es exemplifizieren wird. War das Entscheidende, war Klarheit in den Gedanken, aber nicht in den Gedichten? Fraglos war bereits eine klare Idee mehr Antwort als viele verworrene. Aber wollte ich wirklich auf den größeren Teil meiner Annahmen verzichten, um den Rest zu retten, statt zu vergessen? Ein ununterbrochener, ewig rufender Kuckuck werde ich nicht immer sein, ich.


aus: Was nicht gesagt ist. Berliner Rede zur Poesie.
Göttingen: Wallstein, 2016.

Weitere Buchveröffentlichungen:
Euer Lenz. Prosa. (2013)
Die ganze Zeit. Gedichte. (2010)


Oswald Egger | Geboren 1963 in Lana, Südtirol. Studium der Literatur und Philosophie in Wien. Seit 2011 ist er Inhaber der neu geschaffenen Professur „Sprache und Gestalt“ an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Er lebt in Wien sowie auf der Raketenstation Hombroich bei Neuss. Oskar Pastior-Preis 2010.

Kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen und damit ziemlich weit: Oswald Eggers „Erste Berliner Rede zur Poesie“ buchstabiert die Welt neu aus.

Marie Luise Knott

 


Oswald Egger
Oswald Egger | © Charlotte Kons