Silke Scheuermann

Dodo

Es ist wahr, man kann zu verträumt sein
zum Überleben. Neben dir spazierten immer
mehrere Himmel einher. Ausschließlich
freundliche andere Arten. Nun ja – bis wir kamen.
Gott hat uns Wut geschenkt, dieses starke Gefühl
ohne Richtung und Nutzen, und Appetit. Du, Dodo,
bist dann rasch verschwunden in diese andere Welt,
in der Alice ewig versucht, von dir Wunderland-Spiele
zu lernen. Aber uns reicht das nicht, wir wollen
dich wieder. Niedlich, naiv, mit deinen treudoofen Nestern
am Boden. Als harmlosen Kameraden für unsere Kinder
denken wir dich. Glaub mir: Wir sind fast so weit.
Dodo, du wirst wiedergeboren wie am Tag
das Sonnenlicht. Ich verspreche es dir:
Du wirst unter den ersten sein, die wir machen.

aus: Skizze vom Gras. Gedichte. Frankfurt am Main: Schöffling & Co., 2014.

Buchveröffentlichungen, zuletzt: Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen. Gedichte 2001–2008. (2013) Die Häuser der anderen. Roman. (2012) Shanghai Performance. Roman. (2011)


Silke Scheuermann | Geboren 1973 in Karlsruhe. Studium der Theater- und Literaturwissenschaften in Frankfurt am Main, Leipzig und Paris. Heute lebt die Schriftstellerin in Offenbach am Main. Hölty-Preis 2014.

Gedichte sind zarte Gebilde, alles andere als raumgreifend. Aber was für Räume können sie in sich fassen! Bei Silke Scheuermann, einer der profiliertesten deutschen Lyrikerinnen, ist es eine ganze Zivilisationsgeschichte. 

Martin Ebel

Silke Scheuermann
Silke Scheuermann | © Kirsten Bucher