Yang Lian

 

Die Erde

Der Tod verkürzt jede Wiederholung auf ein einziges Mal.
Das Gewitter gestern Abend
drang tief in zwölf Spiegel.
Der Rasen wischte diese Sätze blank.

Schwäne, eine schneeweiße Bücherlandschaft.
Zwölf Kataloge schlenderten vorüber.
In femininen Silberflaschen
Mondlicht, eine Welle, die toste.

Du siehst auf jeden Fall
den goldenen Mittagsschlaf in Augen, eingelegt mit Perlmutt.
Der September hat Zeichen geschnitzt, ein Gesicht so tief.
Es spricht, und du hast zu sein.

Unter den Füßen öffnet sich ein schalldichtes Schlafzimmer.
Zwölf Enden spiegeln Reisende.
Ein Kristallzoo
flüstert aus der Ferne des Firmaments.

Das notwendige eine Mal,
zumindest im Spiegel,
ein Gott auf dem Kopf,
hat kein Blut und Fleisch, finster wie du.


aus: Konzentrische Kreise. Ein Poem. Übers. aus dem Chinesischen
und mit einem Nachwort v. Wolfgang Kubin (2013),
Edition Lyrik Kabinett. München: Carl Hanser 2013

Buchveröffentlichungen in deutscher Sprache, zuletzt:
Aufzeichnungen eines glückseligen Dämons. Gedichte und Reflexionen.
Übers. v. Karin Betz und Wolfgang Kubin. Nachwort von Uwe Kolbe (2009)
Y.L. und Gao Xingjiang: Was hat uns das Exil gebracht?
Übers. v. Barbara Richter und Peter Hoffmann (2001)


Yang Lian | Geboren 1955 in der Schweiz, aufgewachsen in Peking. Lyriker und Essayist. Lebt im Exil in London, nachdem seine Bücher 1989 verboten wurden. 


Fragt man, was uns der Buchmesseschwerpunkt China gebracht hat, lautet eine mögliche Antwort: Die Lyrik von Yang Lian und seine philosophischen Betrachtungen allein sind schon mehr als eine Messe wert.

Ulrich Baron

Yang Lian
Yang Lian | © Wissenschaftskolleg zu Berlin