Wolfgang Kubin

 

Was ohne Namen ist und bleibt

Jedesmal, wenn ich nach Hongkong komme,
frage ich nach dem Namen der Berge
und bleibe stets ohne Antwort.

Ich solle sie mir selber ausmalen, die Berge,
ich solle sie selber benennen
zwischen Hongkong und Kowloon.

Also gut, vor mir ist der Berg Du,
ich bin der Berg Ich,
wir sind die Berge Wir.

Aber mögen auch Berge so benannt sein?
Sie sagen, ich sei politisch nicht korrekt:
Ein Berg ist ein Berg, ob mit oder ohne Namen.

Ein Berg ist niemals Ich, Du oder Wir.
Schon gar nicht er, sie, es.
Ein Berg hat eine Geschichte, seine Geschichte.

Sie ist länger als unsere.
Die unsere teilt sich fein in er und sie,
manchmal auch unfein in er, sie, es.

Seine Geschichte teilt sich nicht,
nicht nach Name, nicht nach Geschlecht.
Ein Berg will nur im Wege sein,

ob fein oder unfein,
so wohlig bei unserer Ankunft,
so wohlig bei unserem Abschied.

aus: Vom Anfang der Berge. Gedichte. Gossenberg: OSTASIEN Verlag 2012


Buchveröffentlichungen, zuletzt:
Das Dorf der singenden Fische. Gedichte. (2011)
Unterm Schnurbaum: Deutsch-Chinesische Wahlverwandtschaften. Essays. (2009)
Geschichte der chinesischen Literatur. (Hg.). Band 1 – 10 (2002 – 2012)


Wolfgang Kubin | Geboren 1945 in Celle. Hochschullehrer, lebt in Bonn und Wien als Sinologe, Übersetzer und Lyriker. Trotz seiner öffentlich geäußerten Kritik an China erhielt er 2007 den Staatspreis der VR China. 2013 Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung.

Wolfgang Kubin ist ein poeta doctus, und manchen mag er als Dichter in „dürrer Zeit“ erscheinen. (…) Über die Gedankenwelt der chinesischen Tradition verfügt Kubin selbstverständlich, ebenso wie über die der eigenen abendländischen Kulturen. Vielleicht ließe sich gar die Behauptung wagen, daß erst die genaue Kenntnis der eigenen Kultur es möglich macht, die andere, zunächst als fremd empfundene, angemessen zu verstehen.

Hans Stumpfeldt

Wolfgang Kubin
Wolfgang Kubin | @ Eckhard Henkel, Wikimedia Commons