Ursula Krechel

 

Wir waren dort alle gut aufgehoben

Nein, wir sind nicht vorhanden
und werden nicht mehr vorhanden sein
im Brachland eines vollkommenen Morgens
dann –

warum sind hier so viele Blinde
warum sind wir von tastenden, tappenden Schritten
umgeben? Umzingeln Stöcke den raschen Schritt?
Blindlings stolpern wir, stammeln Entschuldigungen
in Gesichter hinein und weg, nein, wir sind nicht
ehe die Dunkelheit mit Händen zu greifen ist
lang, lang vor der Nacht, die fällt.

aus: Jäh erhellte Dunkelheit. Gedichte. Salzburg und Wien:
Jung und Jung 2010

Buchveröffentlichungen zuletzt:
Landgericht. Roman. (2012)
Shanghai fern von wo. Roman. (2008)
Stimmen aus dem harten Kern. Gedicht. (2005)


Ursula Krechel | Geboren 1947 in Trier. Studium der Germanistik, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte. Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten. Lebt in Berlin. Lyrikerin, Dramaturgin, Erzählerin.

Deutscher Buchpreis 2012.

Wie Buchstaben sich entzünden: In ihrer Lyrik vollzieht Ursula Krechel eine Wende zur metaphysischen Poesie. Der Aufenthalt in einem Frauenstift veranlasst sie zu der Frage, ob Gedichte eigentlich schweigen können.

Harald Hartung

Ursula Krechel
Ursula Krechel | © Alexander Paul Englert