Nora Gomringer

 

Demografisches Scherzo

Ich mache das nicht zum Vergnügen
Das Auflösen in Sprache
Wie eine Tablette
Und vor ihr ein Schmerz
Ich mache das nicht zum Vergnügen
Diese Gefälligkeit, das Lächeln
Die Stimme moduliert vorgeführt
Ein Vogel hinter bebänderter Voliere
Ein Kehlentier
Behauster Leib
Wie soll ich darauf antworten?
Bin ein Opfer, weil ich so sozial bin.
Ja, sieben.
Derer drei, aber die nehmen zu.
Gedichte ergänzen zu Gedichten.
Vor der Lyrik kann man Angst bekommen.
Nachts, wenn sie sich abspielt,
Keinen versöhnlichen Ton trifft.
Schleicht wie ein Igor, Gehilfe
Das Pfl aster auf und ab
In diesen alten Städten, in denen
Dichter wohnen, immer neue Dichter werden.
Wo führt das hin?
Dieses ewige Werden, wo sollen diese Dichter leben?
Ich mache das nicht zum Vergnügen,
Doch muss ich sagen, es vergnügt mich.

aus: Nachrichten aus der Luft. Mit einer CD.
Dresden und Leipzig: Voland & Quist 2010

Gedichtbände, zuletzt:
Monster Poems (2013)
Mein Gedicht fragt nicht lange (2011)
Ich werde etwas mit der Sprache machen (2011)


Nora Gomringer | Geboren 1980. Die Schweizerin und Deutsche lebte u.a. vier Jahre in den USA, wo sie enge Kontakte zur Performance-Poesie-Szene pflegte. Gast zahlreicher Poesiefestivals im In- und Ausland. Seit 2010 leitet sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. 2011 Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache.


Wenn Gomringer ihre Stimme hebt und senkt, die Worte dreht und drängt, kommt mit Leichtigkeit daher, was zugleich ganz und gar ernst gemeint, ernst gedacht, ernst gemacht ist. (…) Es ist die gleiche leidenschaftlich-leichtfüßige Ernsthaftigkeit, mit der Nora Gomringer mehrere Jahre als Poetry Slammerin aufgetreten ist und wofür sie in diesem Jahr mit dem Jacob-Grimm-Preis ausgezeichnet wird.

Beate Tröger

Nora Gomringer
Nora Gomringer | © JürgenBauer (SV)