Kurt Drawert


Vom Leben der Texte

über das Wagnis und das Handwerk des Schreibens

Nicht die Idee steht hinter dem [Gedicht], wie wir es von der Prosa her kennen, sondern das isolierte, nackte, morphologisch gegebene und noch zu keinem Sinn gefügte Wort; sein Klang, sein Geschmack, sein Gewicht, sein stoffliches An-und-für-Sich. (…) Plötzlich ist ein Wort auf eine Weise verfügbar, die es geheimnisvoll werden lässt, seltsam und außergewöhnlich; es ist, als hätte ich dieses Wort zum ersten Mal gehört oder doch eben so gehört, dass es auffällig wird und als abgesetzt in der Sprache erscheint, als ganz und gar stofflich. Diese erste Form der Begegnung hat noch mit keinem Sinn etwas zu tun, mit keinem Zweck, keiner Funktion – sie ist nur für sich, so, wie wir auch Menschen begegnen, die wir blitzartig mögen und die schon wieder verschwunden sind, noch ehe wir etwas über sie erfahren konnten. Mag sein, dass eben das jenes kurz aufscheinende Unbewusste im Bewussten ist und ein Verlangen der Sprache (…) nach sich selbst.

aus: Wie Gedichte entstehen, in: Schreiben. Vom Leben der Texte. München: C.H. Beck 2012

Buchveröffentlichungen, zuletzt: Idylle, rückwärts. Gedichte aus drei Jahrzehnten. (2011)
Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte. Roman. (2008)


Kurt Drawert | Geboren 1956 in Henningsdorf (Brandenburg). Nach einer Ausbildung zum Facharbeiter für Elektronik und Abitur an einer Abendschule Studium am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Lebt als Autor von Lyrik, Prosa und Dramatik in Darmstadt, wo er seit 2004 das Zentrum für junge Literatur leitet.

Im Geschwätz-Meer des alltäglichen Kulturbetriebs eine Insel für alle Kunst-Seligen, die noch Freude haben am Nachsinnen über das Geheimnis der Wörter. (…) Drawerts Essay lässt uns in seiner störrischen Eleganz wissen: Das kostbare Geschenk namens Kultur will sorgsam ausgewickelt werden. Das Buch ist ein Geschenk.

Fritz J. Raddatz

Kurt Drawert
Kurt Drawert | © Ute Doering