Durs Grünbein

 

Selbstbildnis vor violettem Hintergrund

Wo willst du hin, mein unrasiertes Kinn,
Das ich schlecht kenne? Alter Jochbeinknochen,
Was treibt dich fort? Nur Blut gerinnt,
Doch niemals Zeit, auf vielen Photos scharf gestochen.
Licht scheint durch rosa Ohrenmuscheln, dünne Lider
Wie in der Frühe junger Haut. Die Narben glänzen
In allen Farben zwischen Fingerhut und Flieder.
Grau wird, was demnächst fehlt, ergänzen.

Sind keine Schmisse, sind nur Kratzer, nichts,
Was sich im Conrad-Ton erzählen ließe. (Bis auf eine.)
Lohnt nicht zu malen, dieses Allerweltsgesicht,
Das flüchtig bleibt, nur heimlich aufgelöst im Weinen.
Privates brennt darauf, die Spur der Nächte, Stöße,
Die keiner sieht: was an die Schläfen pocht von innen.
Das Fleisch kaschiert, es gibt sich keine Blöße.

Der weiche Zug am Mund war fern vom Lavastein
Der Köpfe auf den Osterinseln, näher bei den Quallen.

Im Röntgenbild bleibt davon weißer Hauch, Gebein.
Sag nicht verloren, wo du formbar meinst, wie alle.

aus: Koloss im Nebel. Gedichte. Berlin: Suhrkamp 2012

Buchveröffentlichungen, zuletzt:
Aroma. Ein römisches Zeichenbuch (2010)
Vom Stellenwert der Worte. Frankfurter Poetikvorlesung (2010)


Durs Grünbein | Geboren 1962 in Dresden. Lebt als Lyriker, Essayist, Kritiker und Übersetzer in Berlin. Georg-Büchner-Preis 1995; Stipendium der Deutschen Akademie Villa Massimo Rom 2009. Zuletzt Tomas-Tranströmer-Preis 2012.


Im Ergreifen etwas zu begreifen und zugleich ergriffen zu werden, aus diesem metaphorischen Wechselspiel beziehen die Gedichte von Durs Grünbein ihre, die Stimme elektrisierende und betörende, Welthaltigkeit. Sie vermessen mit wachem Blick den Makrokosmos und entdecken – das Erhabene reflektierend – immer wieder auch Allerkleinstes.

Michael Opitz

Durs Grünbein
Durs Grünbein | © JürgenBauer (SV)