Rolf Dieter Brinkmann


Poesie neunzehnhundertsechzig

ist ein blinder König ohne Reich
ist eine vergessene Sprache zwischen Vogel und Fisch
ist ein alter Kinderschuh und ausgetreten

Dornröschen wird nicht mehr erwachen
auf Photos um neunzehnhundertsechzig

ist die andere Seite des Mondes
ist die Stille, die schwarz wird.


aus: vorstellung meiner hände. Frühe Gedichte.
(Hrsg. Maleen Brinkmann), Reinbek bei Hamburg, Rowohlt 2010

Gedichtbände:
Westwärts 1&2. (1975), erweiterte Neuausgabe 2005
Rom, Blicke (1979)


Rolf Dieter Brinkmann | Geboren 1940 in Vechta, gestorben 1975 in London. Lyriker, Übersetzer, Erzähler und Herausgeber. 


Maleen Brinkmann | Witwe von Rolf Dieter Brinkmann, Herausgeberin seiner nachgelassenen Gedichte



Als Dieter Wellershoff, Lektor bei Kiepenheuer und Witsch, sie 1963 in die Hände bekam, wies er sie harsch zurück, die ersten Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann. Fast ein halbes Jahrhundert nach dieser Ablehnung erscheinen sie jetzt doch, die frühen Gedichte eines Lyrikers, der heute unbestritten zu den ganz Großen der deutschen Nachkriegsliteratur gehört. Geboren 1940 in Vechta, nach seinem Auftritt auf einem internationalen Lyrikertreffen in Cambridge/England gestorben im Jahr 1975 bei einem Autounfall in London, weil er als Fußgänger den Linksverkehr nicht beachtet hatte: Sein Einfluss auf die nachfolgenden Lyrikergenerationen ist nach seinem Tode noch gewachsen. In einer Besprechung in der F.A.Z. empfiehlt der Lyriker Michael Lentz, man solle diese Gedichte „werkbiographisch gegenlesen als Tastversuche, die mit ihren Querständen und in der „Besinnung auf / Herkunft, Geburt und Alter’ bereits auf den späteren Brinkmann verweisen“. Rolf Dieter Brinkmanns Witwe, Maleen Brinkmann, stellt die frühen Gedichte vor, die im letzten Jahr unter dem Titel „vorstellung meiner hände“ erschienen sind.

Rolf Dieter Brinkmann
Rolf Dieter Brinkmann | © Christa Donner