Christoph Meckel

 

Die Sirenen

- holten mich aus dem Schiffsbauch, befreiten
Hände und Füße von Fesseln und stellten mich
an die Reling ins volle Licht (Meerglast
glühend im Zeichen des Löwen), damit ich
den Gesang zu hören bekam mit offenen Ohren,
um den Verstand gebracht und so weiter
                                                                 (sie lagen
im Schatten der Segel mit verstopften Köpfen)
Wir trieben nah vor den verrufenen Felsen
und nichts geschah – die Sirenen
und ich, der Singvogel, altes Bündnis,
                                      private Geschichte –



Erstveröffentlichung, bisher unveröffentlicht

Gedichtbände, zuletzt:
Gottgewimmer. Gedichte. (2010)
Die Kerle haben etwas an sich. Kunstfiguren, liebliche Berge (2007)
Die Seele des Messers (Edition Lyrik Kabinett 2006)


Christoph Meckel | Geboren 1935 in Berlin, lebt in Berlin und Vaucluse/Provence. Maler, Grafiker, Erzähler, Lyriker

In ‚Gottgewimmer’ gibt es mehr Fragen als Antworten. Töricht kluge Fragen, die nur jemand stellt, der alle möglichen Antworten gehört hat und offen die Tragkraft des Strohhalms bezweifelt. Die Schwerkraft ersetzt er durch Poesie.


Frank Milautzki

Christoph Meckel
Christoph Meckel | © Bibliothek Universität Würzburg