Inger Christensen

Inger Christensen
Inger Christensen | © Manfred Thomas, Münster

jeg skriver som hjertet
der banker skriver
skelettests og neglenes
tændernes hårets
og kraniets tavshed
jeg skriver som hjertet
der banker skriver
haendernes føddernes
læbernes hudens
og kønnets hvisken
jeg skriver som hjertet
der banker skriver
lungernes musklernes
ansigtets hjernens
og nervernes lyde
jeg skriver som hjertet
der banker skriver
blodets og cellernes
synernes grådens
og tungens råb

(…)

Hanns Grössel

Hanns Grössel
Hanns Grössel | © Manfred Thomas, Münster

ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
das schweigen des skeletts
und der nägel der zähne
des haars und des schädels
ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
das flüstern der hände
der füße der lippen
der haut und des geschlechts
ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
die geräusche der lungen
der muskeln des gesichts
des gehirns und der nerven
ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
das rufen des bluts
und der zellen der gesichte
des weinens und der zunge

(…)


Aus dem Dänischen von Hans Grössel.
Aus: alfabet/alphabet. Gedicht.
Übersetzt von Hanns Grössel. Münster: Kleinheinrich 1988


Inger Christensen | 1935 in Vejle/Jütland geboren. In Kopenhagen Studium der Medizin, Chemie und Mathematik und Tätigkeit als Lehrerin an einer Kunsthochschule. Seit 1978 war sie Mitglied der Dänischen Akademie. Sie verfasste Lyrik, Romane, Essays, ein Opernlibretto, ein Bühnenstück und Hörspiele. Inger Christensen, die über viele Jahre als Kandidatin für den Nobelpreis galt, starb 2009 in Kopenhagen.

Buchpublikationen (Auswahl; in deutscher Übersetzung von Hanns Grössel): "brief im April. Gedichte." Münster: Kleinheinrich 1980 – "alfabet/alphabet. Gedicht." Münster: Kleinheinrich 1988 – "Das gemalte Zimmer. Roman." Münster: Kleinheinrich 1989 – "Gedicht vom Tod. Gedicht." Münster: Kleinheinrich 1991 – "Teil des Labyrinths. Essays." Münster: Kleinheinrich 1993 – "Das Schmetterlingstal. Ein Requiem." Münster: Kleinheinrich 1995 – "det/das. Gedicht." Münster: Kleinheinrich 2002 – "Lys/Licht." Gedicht. Münster: Kleinheinrich 2008 – "græs / gras. Gedichte." Dänisch/deutsch. Münster: Kleinheinrich 2010 Literaturpreise: Großer nordischer Preis der Schwedischen Akademie 1994, Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie 1995, Grand Prix des Biennales Internationales de Poesie 1995, Österreichischer Staatspreis für Literatur 1995, Siegfried-Unseld-Preis 2006.

Hanns Grössel | 1932 in Leipzig geboren, aufgewachsen in Kopenhagen, lebt in Köln. Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie, Promotion über Clemens Brentano. Tätigkeiten als Verlagslektor, Rundfunkredakteur, Kritiker, Herausgeber und Übersetzer skandinavischer und französischer Literatur (Tomas Tranströmer, Lars Gustafsson, Jean Paul Sartre, Raymond Roussel u. a.)

Buchpublikationen: "Raymond Roussel. Eine Dokumentation." München: edition text + kritik, 1977 – "Auf der richtigen Seite stehen. Über Louis Ferdinand Celine." Frankfurt/M.: Qumram 1981 Preise: Übersetzerpreis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 1976, Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie 1991, Petrarca-Übersetzerpreis 1993, Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie 1995, Europäischer Übersetzerpreis 2010 (Steffen Popp)


Begründung der Jury

Inger Christensen und ihr Übersetzer Hanns Grössel erhalten den Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie 1995. Die 1935 in Vejle/Dänemark geborene Inger Christensen schreibt Lyrik, Romane, Essays, Bühnenstücke und Hörspiele. Im Zentrum ihres Werkes steht die Lyrik, die Sprachexperiment und Erfahrung von Welt verbindet. Viele ihrer Großgedichte – wie alphabet und es – folgen zahlenkombinatorischen Prinzipien und erzeugen poetische, der Ordnung der Natur verwandte Organismen. Die Ideen des Linguisten Noam Chomsky über eine angeborene Sprach-Fähigkeit und über allgemeingültige formale Regeln für den Satzbau haben ihr, wie sie selbst bezeugt, "ein phantastisches Schwindelgefühl" gegeben: "Eine nicht beweisbare Gewissheit, dass die Sprache eine unmittelbare Verlängerung der Natur ist, dass ich dasselbe ‚Recht‘ hatte, zu sprechen, wie der Baum, Blätter zu treiben." So gelingt es Inger Christensen, Wortsituationen zu schaffen, in denen die Dinge und die Wörter verraten, wer wir sind. Hanns Grössel, 1932 in Leipzig geboren und in Kopenhagen aufgewachsen, hat zahlreiche Autoren aus dem Französischen, Schwedischen und Dänischen übersetzt. Sein besonderes Engagement gilt seit den frühen 1970er Jahren dem Werk Inger Christensens. Mit großem Einfühlungsvermögen für Textur und mit absolutem Gehör für den Ton ihrer Stimme hat er überzeugende Analogien für die offenen Sprachprozesse der Lyrik Inger Christensens gefunden.