Andrea Zanzotto

Andrea Zanzotto
Andrea Zanzotto | © Barbara Ladinser

D. Capaldi | L. Paulmichl | P. Waterhouse

D. Capaldi | L. Paulmichl | P. Waterhouse
Capaldi, Paulmichl, Waterhouse | © privat

Al mondo

Mondo, sii, e buono;
esisti buonamente,
fa’che, cherca di, tendi a, dimmi tutto,
ed ecco che io ribaltavo eludevo
e ogni inclusione era fattiva
non meno que ogni exclusione;
su bravo, esisti,
non accartocciarti in te sesso in me stesso

Io pensavo che il mondo cosí concepito
con questo super-cadere super-morire
il mondo cosí fatturato
fosse soltanto un io male sbozzolato
fossi io indigesto male fantasticante
male fantasticato mal pagato
e non tu, bello, non tu «santo» e «santificato»
un po’ piú in là, da lato, da lato

Fa’ di (ex-de-ob etc.)-sistere
e oltre tutte le preposizioni note e ignote,
abbi qualche chance,
fa buonamente un po’;
il congegno abbia gioco.
Su. bello, su.

              Su, münchhausen.

An die Welt

Welt, sei, und hell;
hellicht zeig dich,
laß ent-, versuch zu, trachte daß, sag mir alles,
und sieh da ich verwarf wich aus
und der Einschluß wirkte
nicht weniger als der Ausschluß;
auf Kleine, zeig dich,
roll dich nicht ein in dich selbst in mich selbst

Ich dachte die so gezeugte Welt
mit diesen Dauer-Stürzen Dauer-Sterben
die so verhexte Welt
wär bloß ein falsch entpupptes Ich
ich unverdaulich falsch spekulierend
falsches Spektrum unvergolten
und nicht du, Schöne, nicht du „Heilige“ und „Heiliggesprochene“
dort beiseite, von dort, von dort,

Laß dich be- (zeigen-zeugen-zeichnen etc.)
und über die bekannten Wörter hinaus,
pack die Gelegenheit beim Schopf,
erhell dich ein wenig;
das Zeug habe leichtes Spiel.
Auf, Schöne, auf.

              Münchhausnerin, auf.

 

Aus dem Italienischen von
Donatella Capaldi, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse.
Aus: Andrea Zanzotto: Lichtbrechung. Gedichte.
Übersetzt von Donatella Capaldi, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse.
Graz: Droschl 1987


Andrea Zanzotto | 1921 geboren in Pieve di Soligo / Treviso; im Oktober 2011 in Conegliano gestorben. Literaturstudium in Padua. Längere Aufenthalte in Frankreich und der Schweiz, danach arbeitete er in seiner Heimatstadt als Lehrer, unterhielt gleichzeitig aber enge Kontakte zu kulturellen Kreisen in Venedig, Mailand und Rom.

Buchpublikationen (italienisch/deutsch, Auswahl): "Lichtbrechung. Ausgewählte Gedichte. Italienisch/Deutsch", mit einem Kommentar von Stefano Agosti. Übersetzung: Donatella Capaldi, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse; Wien/Graz: Droschl 1987 – "La Beltà – Pracht. Gedichte. Italienisch und Deutsch." Übers. v. Donatella Capaldi, Maria Fehringer, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse. Weil am Rhein: Urs Engeler Editor 2001 – "Gli Squardi i Fatti e Senhal. Gedichte. Italienisch und Deutsch." Mit 1 CD. Hg. und übersetzt von Donatella Capaldi, Maria Fehringer, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse. Weil am Rhein/Bozen: Urs Engeler Editor 2002 – "Auf der Hochebene und andere Orte. Erzählung. Italienisch/deutsch." Übers. s.o. Basel, Bozen, Weil am Rhein: Urs Engeler Editor und Folio Verlag 2004 – "Die Welt ist eine andere. Poetik." Übersetzung Karin Fleischanderl. Basel, Bozen, Weil am Rhein: s.o. 2009 Literaturpreise: Premio Viareggio 1979, Premio Librex Montale 1983, Premio Feltrinelli der Accademia dei Lincei 1987, Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie 1993, Friedrich-Hölderlin-Preis 2005

Donatella Capaldi | 1960 geboren in Rom. Studium der Philosophie und Theaterwissenschaft an der Universität Rom. DAAD-Stipendium für Göttingen; Studium der italienischen Literatur und Geschichte. Publikationen philosophischer Aufsätze in verschiedenen Zeitschriften. Lebt als Übersetzerin in Rom und Wien. 1993 Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie.

Ludwig Paulmichl | Geboren 1951 in Werdohl/Westfalen. Studium der Niederlandistik, Germanistik und Kunstgeschichte. Verlagslektorin, Teilnahme an der Übersetzerwerkstatt des LCB (Literarisches Colloquium Berlin).

Peter Waterhouse | 1956 geboren in Berlin als Sohn einer Österreicherin und eines Engländers, zweisprachig aufgewachsen in Deutschland, Österreich; Studium in Berlin und Los Angeles, Dissertation über Paul Celan; Lyriker und Übersetzer. Lebt in Wien.

Buchpublikationen (Auswahl): "Menz." Graz: Droschl 1984 – "Besitzlosigkeit Verzögerung Schweigen Anarchie." Graz: Droschl 1985 – "Die Schweizer Korrektur." Mit Durs Grünbein und Brigitte Oleschinski. Hg. Urs Engeler. Weil am Rhein: Urs Engeler Editor 1997 – "passim. Gedichte." Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986. Übernahme 2001 durch Urs Engeler Editor. – "Von herbstlicher Stille wird ein Stück gespielt." Basel und Weil am Rhein: Urs Engeler Editor 2003 Literaturpreise: manuskripte-Preis des Landes Steiermark 1989, Nicolas-Born-Preis der Petrarca-Preis-Stiftung 1990, Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie 1993, Heimito-von-Doderer-Preis 2000, H.C.-Artmann-Preis der Stadt Wien 2004, Erich-Fried-Preis 2007, Literaturpreis der Stadt Wien 2008


Begründung der Jury

Andrea Zanzotto und seine Übersetzer Donatella Capaldi, Ludwig Paulmichl und Peter Waterhouse erhalten den Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie für das Jahr 1993.

Andrea Zanzottos Lyrik ist von keinem Geringeren als Eugenio Montale begrüßt worden: Seine Dichtung – schrieb Montale – "ist eine höchst gelehrte und ein wahrer Kopfsprung in jenen Vor-Ausdrucksbereich, der dem artikulierten Wort vorausgeht." Der Dichter Zanzotto ist Avantgardist und Regionalist. Er stammt aus dem Veneto, und die heimatliche Lokalität, dazu der Dialekt, inspirieren eine Dichtung, die mit sprachlicher Magie und linguistischer Retexion einen bedeutenden Beitrag zur modernen europäischen Lyrik des 20. Jahrhunderts leistet. Sein Hauptwerk ist eine lyrische Trilogie, bestehend aus "II galateo in bosco, Fosfeni und Idioma" (1978–1986).
Die Übersetzer, die zugleich Autoren sind, haben die Initiative ergriffen, diesen großen Dichter Italiens dem deutschsprachigen Publikum endlich zugänglich zu machen. In jahrelanger intensiver Arbeit haben sie Zanzottos hochkomplexe Texte ins Deutsche gebracht. Es ist ihnen gelungen, für die formalen Aspekte, für Klangfarben bis hin zum dialektalen Sprachgestus überzeugende literarische Entsprechungen in der deutschen Sprache zu senden. Das vom Droschl-Verlag, Graz, herausgegebene Buch "Lichtbrechung" (1987), eine Auswahl aus der Trilogie, veranschaulicht in Aufbau, Zweisprachigkeit und Kommentar modellhaft die diffizilen Probleme sprachlichen Transfers.