Das Lyrikertreffen Münster 2017

Seit 1979 ermöglicht das Lyrikertreffen Münster alle zwei Jahre Begegnungen zwischen Publikum, Lyrikerinnen und Lyrikern, zwischen Literaturwissenschaftlern und Literaturvermittlern. Deutsche und internationale Dichterinnen und Dichter, ihre Übersetzerinnen und Übersetzer, gefeierte Literaten und junge Talente rücken Münster in diesem Jahr zum zwanzigsten Mal ins Zen­trum der Gegenwartslyrik. Zum Abschluss des Treffens wird der Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie verliehen, der Dichter und Übersetzer zu gleichen Teilen würdigt. In diesem Jahr werden der Norweger Jon Fosse und Hinrich Schmidt-Henkel für den Gedichtband „Denne uforklarlege stille / Diese unerklärliche Stille“ ausgezeichnet.

Philosophie und Poetologie

Auf den „Menschenrechten des Auges“ hat der große deutsche Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Aby Warburg bestanden. Diesem Postulat schloss in einer Rede anlässlich der erstmaligen Verleihung des Ernst-Jandl Preises (der damals, 2001, Thomas Kling verliehen wurde) der Anglist, Übersetzer und Lyriker Klaus Reichert sich an: „Warburg meinte damit die Vermenschlichung des Lichts, das seit Manet nicht mehr für Gott leuchtete oder gar mit ihm eins war, sondern für den Menschen. Ich möchte der Prägung Warburgs das Menschenrecht auf Poesie an die Seite stellen.“
Einige Jahre später war der schwedische Dichter Lars Gustafsson in seiner Rotterdamer „Defence of Poetry“-Rede etwas skeptischer; er hat seine Bedenken 2005 in seinen Tübinger Poetik-Vorlesungen wiederholt: „Es gibt so viele Arten von Poesie, und ich bin gar nicht sicher, ob ich sie alle verteidigen kann oder will. (…) Es herrschen dieselben Proportionen wie auf dem Gebiet der Malerei. (…) Außerdem gibt es Gedichte, von deren Inhalt wir uns nur ungern beeindrucken lassen. Was hat SA marschiert gemeinsam mit Goethes Über allen Gipfeln? Beides sind Gedichte.
And so what?

Dem österreichischen Dichter Oswald Egger ist die Ehre zuteil geworden, am 12. September 2016 die Nobilitierung der „Literaturwerkstatt Berlin“ zu einem „Haus für Poesie“ mit einer ersten „Berliner Rede zur Poesie“ zu eröffnen. An beiden Abenden des diesjährigen Münsteraner Lyrikertreffens wird Egger die Gruppenlesungen mit poetologischen Präludien einleiten: „Will die Poesie alles, was sie soll (oder müsse)? Und: darf die Poesie alles, was sie kann? Ich meine, kann die Poesie alles, was sie darf – wollen?
Die Erbauung zur Gewohnheit machend, rede ich mir ein, einsilbig dabei und fast spielerisch verzwiebelt, was macht meine Vorstellung von einem Wort für Wort zu einer Vorstellung von einem Wort für Wort?“
Gedichte seien phantastische Vergrößerungsgläser für den Blick in das Herz der Dinge – so überschrieb vor einigen Wochen Roman Bucheli in der „Neuen Zürcher Zeitung“ eine Lyrikrezension, deren Schlagzeile auch am Beginn des Lyrikertreffens 2017 stehen mag: „Am Anfang ist das Wort und danach erst recht.“

Hermann Wallmann
Vorsitzender des Literaturvereins Münster und künstlerischer Leiter des Lyrikertreffens